Und es war Winter - Winterlibellen 2.0 (Februar 2024)

Gemeine Winterlibelle, Sympecma fusca, mit Raureif
Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca) mit Raureif, 10.1.2024

Im Winter 2022/2023 beschäftigte ich mich erstmalig mit überwinternden Winterlibellen. Um genau zu sein: mit der Gemeinen Winterlibelle (Sympecma fusca). Meine Erlebnisse und Fotos habe ich an dieser Stelle in den Beiträgen „Winterlibellen im Winter – ein unvollendetes Fotoprojekt“ und „Winterlibellen im Schnee“ vorgestellt.

 

Seit Oktober 2024 steht das Überwinterungsverhalten der Gemeinen Winterlibelle wieder im Mittelpunkt meiner fotografischen Aktivitäten: das Fotoprojekt Winterlibellen 2.0.

 

Um die Gemeinen Winterlibellen beobachten und fotografieren zu können, musste ich sie erst einmal finden. Die Erfahrungen aus dem Vorjahr waren dabei hilfreich, brachten aber schnell die erste Enttäuschung. Ich musste lernen, dass nicht alle Locations in jedem Jahr genutzt werden. Ausgerechnet der Überwinterungsplatz, den ich am einfachsten erreichen kann und an dem im vergangenen Winter die meisten Fotos entstanden sind, war in diesem Winter offenbar nicht besetzt. Zumindest konnte ich dort keine Überwinterer entdecken.

Sonnenexponiert und windgeschützt – der Überwinterungsplatz

Die einschlägige Literatur liefert vielfach sehr allgemeine Hinweise zu den Überwinterungsplätzen der Gemeinen Winterlibelle. Es wird ein breites Spektrum Lebensräumen aufgeführt, so zum Beispiel Grasfluren, Heideflächen, Wegränder, Waldlichtungen oder auch naturnahe Gärten. Oft tauchen in diesem Zusammenhang die Begriffe „sonnenexponiert“ und „windgeschützt“ auf.

Ich habe „meine“ Überwinterungshabitate im März beziehungsweise Oktober entdeckt. Zu dem Zeitpunkt halten sich die Libellen noch (im März) oder schon (im Oktober) in der Nähe des Winterlebensraums auf. Ideal ist sonniges Wetter. Die Winterlibellen sind dann aktiv, begeben sich auf Beutejagd oder sonnen sich. Dabei sind sie mit etwas Übung gut zu finden.

 

Im Umkreis von ca. 20 km um meinen Wohnort kenne ich acht Plätze, an denen Winterlibellen überwintern beziehungsweise überwintert haben. Bei diesen Überwinterungsplätzen handelt es sich um Lichtungen, Waldränder oder Waldwege, die nach Süden ausgerichtet und damit sonnenexponiert sind. Oft steigt das Gelände nach Norden an und der Bereich wird besonders nach Osten durch Wald gegen Wind geschützt. Alle Fundorte liegen an oder in Kiefernwald, oft mehrere Kilometer vom nächsten Fortpflanzungsgewässer entfernt.


Die Suche kann beginnen – am besten bei Kälte

Die Gemeinen Winterlibellen sitzen entweder eng angeschmiegt an ihrem Sitzsubstrat oder abgespreizt. Die Sitzhaltung hängt dabei von den äußeren Bedingungen ab. Ist es kalt, sitzen die Libellen abgespreizt und sind wenig beweglich. Bei „milderen“ Temperaturen schmiegen sich die Winterlibellen an das Substrat an und drehen sich bei Annäherung schnell auf die Rückseite. Wenn man diese Bewegung nicht wahrnimmt, werden die Tiere leicht übersehen.

Die Sitzpositionen der Gemeinen Winterlibellen sind sehr variabel. Ich habe die Tiere an jungen Trieben von Faulbaum und Traubenkirsche in 10 bis 50 cm Höhe gefunden. Auch am Boden liegende Kiefernzweige und trockene Grashalme werden zum Überwintern genutzt. Die Sitzposition kann sich während des Winters verändern. Vertikale Bewegungen kommen regelmäßig vor, aber auch der Wechsel auf einen Sitzplatz in der Nähe.

 

Ideale Bedingungen, um Winterlibellen erfolgreich zu suchen, sind Temperaturen um den Gefrierpunkt. Wenn dann noch Schnee gefallen ist, sind die abgespreizt sitzenden Tiere manchmal schon aus mehreren Metern Entfernung zu sehen.


Erst Schnee, Regen und Wind - dann für die Jahreszeit zu mild

In der zweiten Novemberwoche 2023 begab ich mich erstmalig auf die Suche nach Überwinterern. Ich wurde schnell fündig; ziemlich genau dort, wo ich im Oktober die letzten Aktivitäten festgestellt habe.

 

Aufgrund einer zweiwöchigen Abwesenheit habe ich von dem Wintereinbruch Ende November/Anfang Dezember nur die letzten Tage mitbekommen. Es gelangen an diesen Tagen schöne Fotos von Winterlibellen in einer verschneiten Umgebung und einige Neufunde. 

Die zweite Dezemberhälfte brachte viel Regen und Wind. Viele „meiner“ Winterlibellen suchten bodennahe Plätze auf. In dieser Position wurden einige Exemplare bei dem zweiten Wintereinbruch Anfang Januar 2024 teilweise oder auch ganz eingeschneit.

 

Die letzte Januar-Dekade brachte erstmalig zweistellige Temperaturen. Auch wenn kein schöner Vorfrühlingstag dabei war, gab es Veränderungen. Einzelne Winterlibellen haben ihren Sitzplatz dauerhaft verlassen, andere sind dazugekommen. An einem Fundort zählte ich am 18. Januar zehn Überwinterer; gut eine Woche später blieben davon nur noch vier. An einer anderen Stelle hielten sich bis Mitte Januar zwei Weibchen auf; Ende des Monats waren es vier.

 

Der Februar startete mild, aber es gab wenig Sonne, wieder Regen und manchmal Wind. Als ich in der zweiten Februarhälfte hin und wieder die Sonne zeigte, verließen erneut einige Libellen ihre Winterposition. Ich konnte allerdings keine Flugaktivitäten feststellen und auch keine Gemeinen Winterlibellen beim Sonnenbad beobachten. 


Der 29. Februar – es geht endlich los

Der Kalender bescherte dem Februar in diesem Jahr einen zusätzlichen Tag. Und die Wetterprognosen waren günstig: Der Wetterbericht versprach zweistellige Temperaturen und viel Sonne. Hoffentlich ideales Wetter für aktive Winterlibellen.

 

Am späten Vormittag brach ich auf zu meiner Winterlibellenexkursion. Die Sonne schien und das Autothermometer zeigte 13 °C. Als ich mein Ziel erreichte, zeigte sich, dass ich zu dick angezogen war. In den windgeschützten Bereichen hätte ich keine Winterjacke gebraucht. 

 

Gegen 11:30 Uhr entdeckte ich dann ein Männchen der Gemeinen Winterlibelle, welches sich auf Totholz sonnte. Wenig später fand ich weitere aktive Libellen. Ein Weibchen konnte ich beobachten, wie es ein kleines Insekt erbeutete.

Am 8. Dezember 2023 entdeckte ich an diesem Überwinterungsplatz ein Winterlibellenmännchen, das in 30 cm Höhe an einer Astgabel eines jungen Faulbaums saß. Am 10., 17. und 20. Dezember konnte ich die Libelle exakt an derselben Stelle wiederfinden. Danach war sie trotz intensiver Suche nicht mehr auffindbar.

 

Völlig überraschend war das Männchen am 7. Februar 2024 wieder da – exakt an der Position, an der ich die Libelle im Dezember zuletzt gesehen hatte. Vermutlich hat sich die Winterlibelle an den regnerischen Tagen Ende Dezember in die dichte Vegetation unterhalb des Faulbaums zurückgezogen.

 

Bei meiner Ankunft an diesem Tag saß das Winterlibellenmännchen noch im Schatten. Als ich zweieinhalb Stunden später auf dem Rückweg wieder an dieser Stelle vorbeikam, flog die Libelle unmittelbar vor mir auf und setzte sich auf einen am Boden liegenden Birkenstamm. Es ließ ein paar Fotos zu, flog dann auf und verschwand aus meinem Blick. Wohl für immer.